Der eigene Garten! Wildnis oder Ordnung?

 
Natur oder Kultur im Garten? oder
Der eigene Garten: Gestaltetes Grün oder ein Stück wilde Natur?
 
Warum das Thema Nachhaltigkeit im Garten immer wichtiger wird – auch im Sinne der Artenvielfalt
Wer einen Garten hat, weiß, dass Anspruch und Wirklichkeit oft weit auseinanderliegen. Wer ihn auch noch ökologisch korrekt bewirtschaften möchte, steht vor einem Dilemma. Ein Garten ist gestaltete Natur, näher an der Kultur als an der Wildnis. Soll er dem Menschen zur Erbauung und Ernte dienen oder der Natur zur Erholung? Wie viel Kultur darf, wie viel Natur muss sein?
 
Das bestimmende Thema ist nachhaltiges Gärtnern. Es geht um torffreie Erde (damit die Moore, die Kohlendioxid speichern, nicht weiter Schaden nehmen). Um Gärten, in denen Bienen in ungefüllten Blumen und heimischen Blühsträuchern genügend Nektar finden (und so als Bestäuber tätig werden können). Um das Mulchen von Beeten und eine dichte Bepflanzung (spart Wasser, weil keine nackte Erde da ist, die sowieso in der Natur nicht vorkommt). Es geht um Wildblumenwiesen, was in der Heimat des nagelscherenkurzen Rasens beachtlich ist.
Und es geht um Beete, in denen verschiedene Gemüsearten und Blumen in einer Mischkultur wachsen (spart Platz, schont den Boden und schützt vor Schädlingen). Und bitte nicht umgraben, nur mit der Grabegabel lockern, sonst sterben die Mikroorganismen im Boden.
 
 
In der Theorie haben alle den voll korrekten grünen Daumen, in der Praxis ist noch Luft nach oben. Sonst gäbe es nicht Nachbarschaftsstreitigkeiten um ewig knatternde Rasenmäher, sonst müssten Schottergärten nicht gesetzlich verboten werden. Sonst gäbe es nicht die Aufrufe von Naturschützern zur Abkehr vom wohlsortierten und geputzten Garten, der immer noch der ästhetische Standard ist.
 
 
Matthias Glaubrecht, Professor für Biodiversität der Tiere an der Universität Hamburg, hat einen Rat: einfach die Natur machen lassen. Nicht die industrielle Blühmischung in den Garten werfen, sondern wachsen lassen, was da wächst. Sonnenexponierte Steinhaufen für Eidechsen und andere Reptilien aufschichten, Totholzhaufen für Insekten, Spinnen, Igel und andere Arten. Nicht nur auf die Honigbiene schauen. Es gehe darum, die Vielfalt der Bienen zu erhalten.
 
"Jeder Gärtner ist sein eigener Schöpfer, darum sollte man auch niemandem vorschreiben, was für einen Garten er haben sollte“ , sagt der Wissenschaftler. Aber ganz grundsätzlich sei es einfach so: „Ein unordentlicher Garten kann dazu beitragen, dass wir wieder eine Vielfalt von Arten haben.“
 
Auszüge aus "Natur und Garten - lasst es wachsen" von Claudia Fromme / Süddeutsche Zeitung vom 03.6.2022